Lena
Lena ist vier, als die Welt in ihr zerreißt.
Ein Mann, dem sie vertraut, überschreitet eine Grenze, die kein Kind kennen sollte.
Er hört nicht auf, bis sie flieht – barfuß, voller Angst, mit einem Schreien, das niemand hören will.
Ihre Schwester sieht, was passiert, läuft zu den Eltern, erzählt alles.
Doch anstatt sie zu schützen, wenden sie sich ab.
Lena erlebt zum zweiten Mal, was Ohnmacht heißt.
Diesmal durch Schweigen, durch Wegsehen, durch das, was nicht gesagt wird.
Was folgt, ist ein Leben voller Schuldgefühle, falscher Bilder von Gott, einem Glauben, der Angst macht statt frei.
Sie lernt früh, sich zu verstellen, brav zu sein, Erwartungen zu erfüllen, damit es nicht wieder weh tut.
Und doch bleibt die Leere – dieses dumpfe Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt.
Erst viele Jahre später, als Erwachsene, beginnt sie, den Lügen auf den Grund zu gehen.
Therapie, Gespräche, Tränen.
Langsam erkennt sie, dass Gott nicht der strenge Richter ist, vor dem sie sich gefürchtet hat, sondern der, der neben ihr stand, als niemand sonst blieb.
Heilung kommt nicht auf einmal.
Sie kommt in Momenten.
In der Wahrheit, die ausgesprochen wird.
In der Nacht, in der sie zum ersten Mal wieder betet – ohne Angst, ohne Scham.